
Oh Noel, Noel, sagten die Menschen vor zwei Jahren, als man sich um das heute achtjährige Mädchen sorgte. Sie war dunkelhaarig und besaß dennoch eine glühende, sanfte Ausstrahlung, doch war sie auch traurig. Denn vor zwei Jahren verstarb ihr geliebter Vater durch eine schwere Erkrankung, und zur gleichen Zeit verschwand ihre Mutter einfach. Noel schloss sich vom Leben aus. Obwohl sie sich taff zeigte und voller Ideen steckte, versteckte sie sich aus Trauer vor der Welt und saß meistens im Nachthemd einfach nur in ihrem dunklen Zimmer. Von da an wuchs Noel bei ihrer mütterlichen Großmutter auf, die ihr all die Liebe schenkte, die ein achtjähriges Mädchen nur erhalten konnte. Ihre Großmutter liebte Weihnachten und ließ das ganze Jahr über keine Gelegenheit aus, Noel die allerorts bekannten Traditionen beizubringen.
Es fiel Noel leichter, mit dem Gedanken einzuschlafen, dass ihre Eltern noch am Leben seien, und so sprach sie jeden Abend vor dem Schlafengehen zu dem Bild, das auf dem Nachtschränkchen neben ihrem Bett stand, auf dem sie ihre Eltern sah.
Noel wurde zehn Tage vor Heiligabend geboren, genau am 14. Dezember. Heute war es wieder soweit. Anlässlich ihres zehnten Geburtstags hatte Noels Großmutter all ihre Lieblingsspeisen gekocht, und der Duft von Weihnachtsleckereien emanierte von den vielen Plätzchen, die Noel bereits mit ihrer Großmutter für Weihnachten gebacken hatte. Immer wenn ihre Großmutter am Backen war, lief im Hintergrund stets „In der Weihnachtsbäckerei“. Noel liebte es, mit ihrer Großmutter ihren Geburtstag zu feiern, nicht nur, weil sie ihre Großmutter liebte, sondern auch, weil sie jedes Jahr etwas Persönliches von ihren Eltern bekam. Diese kurzen Momente hoben stets die Stimmung und sorgten für eine Wärme im Herzen – eine Wärme, die immer kälter wurde, da zwar der Schmerz nicht verschwand, aber die Erinnerungen an ihre Eltern verblassten, wenn sie die Augen schloss, um sie sehen zu können.
So saß Noel mit ihrer Großmutter auf der weihnachtlich geschmückten Veranda, einem Zuhause, an dem merkwürdigerweise immer Schnee fiel, als würde der Ort im Zentrum stehen, wo sich die Schneewolken ihren Hauptsitz teilten.
Voller Vorfreude rieb sich Noel die Hände, ganz so, als wären sie eiskalt. Daher gab es heiße Schokolade und warmes Gebäck. Doch Noel war nicht bereit, einen Pullover und eine Hose anzuziehen. Auch auf der Veranda saß sie im weißen Nachthemd. Ihre Großmutter holte zum Geburtstag ein großes Paket hervor, geschmückt mit den farbenprächtigsten Schleifen, die man sich nur vorstellen konnte. Noel zog an einer Seite der größten Schleife, und die Kartonseiten klappen auf. In der Box befand sich eine große Schneekugel, in der auf magische Weise der Schnee wirbelte. In der Schneekugel sah man das schönste und winterlichste Weihnachtsdorf, das man sich nur vorstellen konnte. Mit dem Schnee sah es so aus, als stünde die Stadt immer im Auge eines Schneesturms. Tief im Inneren herrschte völlige Stille.
Die Großmutter erzählte Noel, es wäre das letzte Geschenk von ihrer Mutter und es wäre an der Zeit, dass sie die Wahrheit erfährt. Doch die Wahrheit müsse sie selbst noch herausfinden, indem sie an Weihnachten mit schneeweißem Wachs einer Kerze auf einer dunkelgrünen Wand eine Tür in der Form einer Tanne mit einer Umrandung aus Schneeflocken male und anschließend die erste Strophe des Winterliedes „Schneeflöckchen, Weißröckchen“ singe. So würde sich ihr die Wahrheit offenbaren und immer neue Geheimnisse entfalten. Noel hielt das für vollkommenen Quatsch. Wenn sie ein weiteres Erinnerungsstück ihrer Eltern besaß, war sie doch enttäuscht, denn eine Schneekugel erzählte nichts über das Leben ihrer Eltern – glaubte sie zumindest.

Ein weiteres Jahr verging; noch immer war Noel in tiefer Trauer. Denn irgendeine Kraft umgab sie, unerklärlich, aber auch vertraut.
So saß sie auf ihrem Bett in ihrem Zimmer und feierte gerade ihren elften Geburtstag allein, starrte auf die Schneekugel, die auf dem Nachtschränkchen neben ihrem Bett stand. Der Schnee in der Kugel wirbelte weiterhin und schimmerte irgendwie. Gerade als Noel in Gedanken dachte, Weihnachten sei Schwachsinn, begann das Schimmern in der Schneekugel zu flackern. Noel sah es, beugte sich über die Schneekugel und blickte tief hinein. Dann wollte sie nach ihrer Großmutter rufen, ließ es aber sein, stattdessen fiel ihr wieder ein, was ihre Großmutter im letzten Jahr erzählt hatte. Sie schaute zur Wand in ihrem Zimmer, und jetzt wurde ihr bewusst, dass die Wände schon immer dunkelgrün gestrichen waren. Nachdem sie einige Sekunden überlegt hatte, rannte sie ins festlich dekorierte Wohnzimmer und holte aus einer Schublade zwölf schneeweiße Kerzen, die mit einer roten Schleife umbunden waren, sowie eine Schachtel Streichhölzer, die direkt neben einem Set Goldbesteck lagen. Sie griff nach den Kerzen und der Schachtel Streichhölzer und ging zurück in ihr Schlafzimmer, wo sie die Zimmertür verschloss. Die Streichhölzer steckte sie in die Seitentasche ihres Nachthemdes.
Dann öffnete sie die rote Schleife, die um die Kerzen gebunden war, nahm nach und nach die Kerzen und kratzte, wie mit Wachsmalstiften, auf einer Seite der grünen Wand eine Tür in der Form einer Tanne, deren Umrandung aus Schneeflocken bestand. Sie war überrascht, wie gut sichtbar sich das Wachs auf der Wand machte. Dann stellte sich Noel vor ihre Zeichnung und begann, die erste Strophe zu singen, genau wie es ihre Großmutter ihr erzählt hatte.
"Schneeflöckchen, Weißröckchen,
wann kommst du geschneit?
Du wohnst in den Wolken,
dein Weg ist so weit."
Gerade als das letzte Wort der ersten Strophe von Noels Lippen kam, begannen die Schneeflocken, weiß zu glühen; sie brannten sich in die Wand, und aus der Weihnachtstanne entstand ein Riss. Eine Tür öffnete sich, ohne dass sich die Form der Tanne veränderte. Plötzlich war da ein Durchgang, aus dem ein weißes Licht Noel entgegenkam, und echter Schnee flog ihr entgegen. Aber es war nicht kalt. Noel verspürte zwar etwas Angst, denn wie war so etwas möglich, und doch fühlte sie sich angezogen. Also nahm sie all ihren Mut zusammen und ging durch die tannenförmige Tür. Sobald sie die Türschwelle überschritt, schloss sich die Tür hinter ihr ganz sanft, und nichts war mehr von einer Tür zu sehen.
Noel stand einige Sekunden allein an einem unsichtbaren Ort, umhüllt vom weißen Licht, doch das völlige Weiß löste sich in eine Struktur auf, aus herumwirbelnden Schneeflocken, und es tat sich eine Sicht auf eine wunderschöne Stadt in der Ferne auf. Dann bewegte sich eine engelsähnliche Erscheinung auf Noel zu, die zu ihr sprach: „Fürchte dich nicht, mein Kind, denn ich bin bei dir.“ Es war das Christkind im weißen Gewand und mit den göttlichsten Engelsflügeln, die man sich nur vorstellen konnte.
Noel standen die Tränen in den Augen; sie rannte auf das Christkind zu und umarmte es ganz fest, bevor sie sagte: „Mama.“ Das Christkind sprach: „Ja, ich bin es, mein Liebling“, und hielt ihre Tochter fest in den Armen.
Nach einer langen Umarmung und vielen Freudentränen ging Noel mit ihrer Mutter in Richtung der Stadt. Auf dem Weg dorthin erklärte sie ihrem Kind, dass all dies der Grund war, warum sie verschwunden war. Sie wollte Noel nicht absichtlich im Stich lassen und hatte nicht die Zeit, sich zu verabschieden. Sie durfte nicht bleiben, weil sie sich in jungen Jahren bereits entscheiden musste: ein Leben in aller Ewigkeit oder ein Leben in Vergessenheit. Sie entschied sich für eine Welt, in der sie den Menschen jedes Jahr Freude schenken durfte. Doch gab es einen Menschen, der einen gigantischen Glauben in sich trug – einen zuvor nie dagewesenen "Weihnachtsglauben". Ein Glauben, dessen inneres Licht so strahlend war, dass sich Noels Mutter davon angezogen fühlte. Dieser Mensch war Noels Vater. Doch Menschen werden nun mal krank, und so schwer das auch ist, nicht einmal Magie konnte sie wieder gesund machen.
Die Stadt, in der sie sich befanden, war gestaltet aus schönen Fachwerkhäusern und von Lichtern, die eine weihnachtliche Melancholie verströmten. In den Häusern lebten oder vielmehr leben all die verschiedenen Weihnachtsmänner und andere Symboliken aus aller Welt, die Weihnachten ausmachen. Alle Symboliken sind durch den Glauben der Menschen entstanden. Der einzig wahre Glaube der Menschen ist der Glaube an sich selbst, und dieser kann sprichwörtlich Berge versetzen oder Dinge erschaffen, wie Traditionen und Melancholie. So ist all das hier entstanden, wir sind so entstanden, und wir müssen die Wahrhaftigkeit des Glaubens aufrecht erhalten, indem wir die Traditionen jedes Jahr ausführen. Doch die Lichter im Inneren der Menschen erlöschen allmählich. Ist der Glaube weg, wird es selbst für alle Menschen dunkel werden, und das Nichts lässt die Seelen sterben.

Noel erhielt alles erzählt, welche Traditionen in der Stadt vertreten sind. In den Häusern leben zum einen das Christkind, das stets im goldenen Haus wohnt. Außerdem leben hier auch der Weihnachtsmann im klassischen roten Anzug, Knecht Ruprecht, ein Nisse – eine Art Kobold – Pixies für Dänemark und Norwegen, Tomte und Tonttu, und natürlich Santa Claus im blauen Gewand. Er lebt im größten Haus mit seinen Elfen; wie auch seine Gläubigen trägt er stets am dicksten auf. Im Haus aus schwarzer Kohle lebt Krampus, bei ihm ist es immer unheimlich. Der Nisse ist hier der Bedeutendste, denn er beschützt die Häuser und kümmert sich um die Tiere. Man muss ihn immer gut behandeln und freundlich zu ihm sein, sonst spielt er dir Streiche und beschützt auch nicht mehr Tier und Hof. Und im goldenen Haus verweilt Noels Mutter, die ursprünglich die Weihnachtswünsche der Adeligen erfüllte, doch ihre Liebe und Wärme wollte niemanden benachteiligen, schon gar nicht die Kleinsten.
Plötzlich flackerten alle Lichter der Stadt, bis sie völlig ausgingen, und der wirbelnde Schnee, der stets um die Stadt herum rotierte, fiel sanft zu Boden. Lediglich der Mond am Himmel konnte die Stadt noch erhellen, doch war es kein richtiger Mond. Noels Mutter schaute besorgt nach oben und hörte die Gedanken vom Weihnachtsmann und den anderen. In den letzten Minuten hatten zu viele Menschen ihren Glauben an Weihnachten und die Magie verloren. Somit waren plötzlich alle Traditionen und Wesen an diesem Ort verschlossen. Sie konnten nicht mehr hinaus in die Welt der Menschen, um die Traditionen zu erfüllen.
Das Christkind kniete nieder auf Augenhöhe zu ihrer Tochter und sprach zu ihr: „Wir brauchen Licht.“ Da fiel Noel ein, dass sie noch die Streichhölzer hatte. Sie nahm die Schachtel aus der Tasche ihres Nachthemdes und zündete ein Hölzchen an. Ein strahlendes Licht umgab das Schwefelhölzchen mit einer Wärme, die all ihre Sorgen vergänglich werden ließ. Durch das Licht verwandelten sich Noels Haare in blondes Haar. Noels Mutter war tief gerührt und erzählte ihr folgende Worte:
„Mein Schatz. Dein Vater hatte recht. Du bist das Mädchen mit den Schwefelhölzern. Du hast den Glauben, die Wärme und das Licht deines Vaters geerbt. Er meinte immer, wenn die Welt in Dunkelheit gerät, wärst nur du das Wunder, die Welt mit all den Werten zu versorgen, die die Menschen menschlich machen.“

Noel war somit das letzte Licht, das die Menschen, die Traditionen, alle Symboliken und vor allem den Glauben retten konnte. Doch dafür musste Noel wieder hinaus in die eigentliche Welt. Allerdings konnte nur der wirbelnde Schnee jemanden hinein und wieder hinaustragen. Und nur sie durfte in diesem Moment den Ort verlassen, da nur sie zur Hälfte menschlich war. Das Christkind hüllte Noel mit seinen Flügeln ein und gab ihrer Tochter eine rote Hose und einen grünen Pullover, die es noch aus seinem weißen Gewand auf wunderbare Weise hervorholte. Unter dem Deckmantel der Flügel konnte sich Noel somit schnell umziehen.
Dann fiel Noels Mutter noch eine andere Möglichkeit ein. Sie glitt schnell zu Knecht Ruprecht und borgte sich seine Rute. Mit der Rute kehrte sie an einer Stelle der Stadt den Schnee vom Boden und darunter kam eine Klappe zum Vorschein, die sie dann öffnete. Noel wurde klar, dass sie sich in der Schneekugel befand. Darin verbarg sich ihre Welt. Ihre Mutter erklärte ihr, sie solle sich einfach fallen lassen. An den Zahlenrädern vorbei direkt in die Dunkelheit verschwinden. Dann würde sie in ihrem Bett aufwachen und alles für einen Traum halten. Doch merke dir meine Worte genau: „Es war kein Traum.“
Auch wenn Noel sich fürchtete, ließ sie los und wachte in ihrem Bett auf. Ihre Haare waren wieder schwarz und der Schnee in der Schneekugel wirbelte nicht mehr. Doch sie trug die rote Hose und den grünen Pullover und vergaß nicht die Worte: „Es war kein Traum.“ Kurz dachte Noel nach und rief dann nach ihrer Großmutter. Denn das Abenteuer begann, und sie wusste, sie benötigte dazu Unterstützung.
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